short story.


Niemand hört einer schnatternden Gans zu.
Sie schnattert bis ihr Schnattern nur noch lästiger Nebenradau ist.

Dem Hahn hingegen hört jeder zu, denn er beschränkt sich darauf, bei Anbruch des Tages zu krähen und hält fortan den Schnabel.


Abends vor dem Fernseher unterbricht mein Mann mein Geschnatter manchmal: 


"Schatz, ich will das jetzt mal eben gucken." 

Dann bin ich eine stumme Gans.


Mein Gänsekind heißt Tessa. Es ist sechs Jahre alt.

Seit Wochen bringt mich Tessa an den Rand des Wahnsinns. Sie redet ununterbrochen.
Es begann eines Morgens urplötzlich und mein anfängliches Staunen weicht seither mehr
und mehr einem Bangen. Was, wenn das nie wieder aufhört?


"Mama, ich habe zwei Luftballons, hier, guck mal, ich kümmere mich um alle beide, Mama, das ist mir egal, dass einer nicht fliegen kann, komm mal her, Luftballon, du musst oben bleiben. Du bist der Prinz. Mama, der Luftballon, der nach oben fliegen kann heißt Prinz und der, der nach unten fällt, heißt Regenwurm, Mama, hier, das ist der Regenwurm. Hallo, Herr Regenwurm! Sie müssen nach unten! In die Erde! Herr Prinz, Sie müssen hoch in den Himmel! Mama, was ist Gas? Wo kommt das her? Wie macht man Gas für die Luftballons? Mama, ich habe meinen Glücksbringer im Kindergarten verloren! Den hat mein Bruder mir geschenkt, Mama, wann kommt mein Bruder  nach Hause? Wo ist Papa? Wie viele Tage noch bis Weihnachten? Wann habe ich Geburtstag?"


Ich habe versucht, auf Durchzug zu schalten und in unregelmäßigen Abständen "Hmmm" zu machen. Das funktioniert aber nicht, denn dann steht sie urplötzlich neben mir und schreit: "Mama! Ich hab Dich gefragt, was Gas ist!"


Es gibt Momente, in denen Tessa nicht redet.
Dann singt sie.
Lieder aus dem Kindergarten oder Lieder aus dem Radio oder selbst ausgedachte Lieder in selbst ausgedachten Sprachen.

Tessa kann perfekt tessanisch. Der einzige Mensch, der diese Sprache ebenso meisterhaft beherrscht wie sie, ist mein Mann. Wenn er mit seiner Tochter begeistert ausschweifende Dialoge auf tessanisch führt, schweige ich neidisch.


Es gibt auch Momente, in denen Tessa nicht redet oder singt.
Dann reimt sie. Und ich muss zuhören.
"Klaus, Maus, Haus. Die Maus heißt Klaus und hat kein Haus. Nur die Laus hat ein Haus, arme Maus, du bist raus. Mama, was ist Gas?"


Neulich beim Mittagessen bin ich unwirsch geworden. Ich ertrug gerade noch ihren Redestrom über die Geschenke, die der Weihnachtsmann bringen sollte. Die Pläne, die sie dann schmiedete, um in diesem Jahr seinen Schlitten und die Rentiere zu finden, reduzierten meine Restnerven auf kümmerliche zwei. Als Tessa dann noch anhob,  ein Gedicht zu rezitieren ("Markt und Straßen stehn verlassen..."), unterbrach ich sie mit einem entnervten: "Iss jetzt!"

Sie begann zu essen.
Und schlug dabei summend mit dem Löffel auf den Tellerrand.


Am Sonntag hat Tessa bei dem Sohn meiner Freundin gespielt. Ich verbrachte einen herrlich ruhigen Nachmittag. Abends rief mich die Freundin an und seufzte: "Du hast ja wirklich recht! Deine Tochter redet und redet, die ist ja wie ein Radio!"

"Nein", sagte ich. "Radios kann man ausschalten."